Roter Rabe

Mein ganz privates Chaos!

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Edelmut

Mai 20th, 2009 · 14 Comments · Dies+Das

Manchmal passiert es, dass wir Menschen – ohne sie zu kennen – mit einem Blick als unsympathisch abstempeln. Die Haare sind zu rot, die Nase zu krumm, das Lachen zu schrill, der Bauch ist zu dick oder man kann sich einfach nicht riechen. Wodurch auch immer diese Abneigung ausgelöst wird: Fair ist das doch eigentlich nicht, oder? Vielleicht würde man ganz anders über diesen Menschen denken, wenn man ihn erst einmal näher kennenlernen würde. Aber meistens geschieht das nicht, denn wenn man einen anderen nicht „riechen“ kann, unternimmt man für gewöhnlich alles um diesem Menschen aus dem Weg zu gehen. Wenn das möglich ist.

Unmöglich aber in meinem Fall. Ich rede hier jetzt von einer ganz konkreten Begebenheit. Sein Name ist… naja, nennen wir ihn einfach mal Torsten, auch wenn er eigentlich anders heißt. Normalerweise freue ich mich immer, wenn neue Leute zu unserer Aikidogruppe stoßen und mit uns den Weg des Aikido gemeinsam gehen wollen. Die meisten wissen das freilich vorher noch nicht. Sie kommen erstmal nur um zuzusehen oder ein paar Mal probeweise mitzutrainieren. Eines Tages stand Torsten vor mir. Ungefähr die gleiche Größe wie ich, vielleicht ein bisschen größer, schon leicht angegrautes Haar, Bärtchen über dem Mund, schlank und man merkte sofort, dass er irgendeinen handwerklichen Beruf ausübt.

Torsten war mir auf Anhieb unsympathisch. Mehr noch, ich traute ihm nicht.

Und ich wollte um keinen Preis mit ihm trainieren. Das konnte ich natürlich nicht so einfach sagen – zum einen entspricht es nicht dem Wesen des Aikido, andere im Vorfeld zu verurteilen und zum anderen wäre dies doch wirklich sehr unhöflich und unbedacht gewesen. Ich gab mir also Mühe, schluckte meine Abneigung runter – oder versuchte zumindest sie zu unterdrücken – und trainierte mit ihm. Er versuchte oftmals meine Fehler zu korrigieren, wo das doch eigentlich gar nicht seine Aufgabe war. Er meinte vieles besser zu wissen und wenn man nicht aufpasste, verbrachte er die meiste Trainingszeit damit, die höhergraduierten zu beobachten und von ihnen zu lernen, anstatt selbst zu üben. Oft stand ich minutenlang herum und versuchte ihn dazu zu bewegen, wieder weiter zu trainieren. Innerlich genervt verdrehte ich die Augen.

So ging das einige Wochen lang. Meine Abneigung gegen ihn nahm nicht ab, ich traute ihm immer noch nicht. Irgendwie hatte ich immer so ein komisches Gefühl, wenn ich mit ihm auf der Matte stand. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass meinem Trainer das nicht entgangen war, doch er sagte nichts, ließ uns einfach weiter trainieren.

Dann sagte unser Trainer, es werde langsam mal wieder Zeit ein bisschen Prüfungsvorbereitung zu machen. Bei Torsten geht es auf die Prüfung zum Gelbgurt zu, ich muss mich auf die Grüngurtprüfung vorbereiten. Wieder trainierten Torsten und ich zusammen. Beim Kote-mawashi, den ich aus beinahe allen gängigen Angriffen bei der Prüfung demonstrieren muss, wusste Torsten wieder einmal alles besser. Er korrigierte, demonstrierte und ich war genervter denn je. Trotz dessen übte ich weiter mit ihm, gab mir Mühe ihn meinen Widerwillen nicht spüren zu lassen.

Eine Stunde lang trainierten wir gemeinsam den Kote-mawashi. Eigentlich sollte Torsten zwischendurch auch den Ude-osae üben, den er für seine Prüfung braucht, doch er konzentrierte sich ganz auf mich und darauf, dass ich „meine“ Technik hinbekomme. Und es funktionierte. Irgendwann hatte ich den Bogen raus und verstand worauf es ankommt. Torsten war begeistert und mit den Worten „Meine Technik kann ich auch nächste Woche noch üben, mach du mal“ hieß er mich weiter üben.

Ganz allmählich schien sich mein Bild von Torsten zu verändern. Ich fand ihn zwar immer noch ein bisschen komisch, aber er war mir nicht länger unsympathisch – im Gegenteil. Ich war beschämt über meine anfängliche Abneigung, hatte er doch völlig uneigennützig gehandelt. Er hatte frei nach dem Motto „Geben ist seliger, denn Nehmen“ die ganze Zeit auf sein Training verzichtet, um für mich den Uke zu spielen. Hat sich selbst in den Hintergrund gestellt, um mir die Möglichkeit zu geben, etwas zu begreifen, ein Erfolgserlebnis zu verschaffen.

Seitdem trainiere ich sehr gerne mit ihm und ich freue mich, dass wir einen weiteren ehrgeizigen und bescheidenen Aikidoka in unseren Reihen haben, dem kein Weg zu weit ist.

In solchen Momenten absoluter Selbstlosigkeit empfindet man nur zweierlei: unendliche Dankbarbeit und Demut. Danke, lieber Torsten!

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14 Comments so far ↓

  • Krisenmanagerin

    Respekt, dass du deinen anfänglichen Unmut runtergeschluckt hast. Ich hätte ihn wohl gebeten, sich seine ständigen Belehrungen zu sparen… und somit nicht von seinem Wissen profitieren können. Regt mich sehr zum Nachdenken an, dein Beitrag. :-)

  • Lilo

    Dass ich meinen Unmut runtergeschluckt habe, liegt weniger an meiner Selbstbeherrschung als vielmehr daran, dass ich allgemein dazu neige, meinen Ärger runterzuschlucken und nichts zu sagen.

    Aber es stimmt schon, dass es manchmal auch klug sein kann, sich zurückzuhalten. Ansonsten hätte ich ihn möglicherweise verletzt und mich um die Möglichkeit gebracht, zu erkennen, dass er eigentlich ein sehr großzügiger Mensch ist :-)
    Dieses Erlebnis beschäftigt mich schon seit einiger Zeit, aber ich habe es bisher nie gewagt in Worte zu fassen, weil ich es als sehr schwierig empfinde, Gedanken und Gefühle in die richtigen Worte zu packen. Aber mit diesem Beitrag bin ich zufrieden und es klingt genauso wie ich das empfunden habe! Und wenn ich damit noch zum Nachdenken anregen kann, umso besser ;-)

  • Mamü

    Liebe Lilo,

    jetzt habe ich richtig Gänsehaut. Das hast du klasse ge- und beschrieben. Und es passt so schön zu dem vorherigen Zitat.
    Dass du so gut durchgehalten hast trotz deiner Abneigung. Wow. Und dieses Mal hat es sich wirklich gelohnt, was ja nicht zwangsläufig so sein muss.

    Das Aussehen von anderen beeinflusst mich persönlich nicht so stark (ganz ausschließen kann ich das aber auch nicht), ob ich jemanden mag. Ob er rote Haare hat oder ne riesige Nase oder ein paar Kilo zu viel, ist mir so ziemlich egal. Für mich ist die Ausstrahlung meistens das Entscheidende. Der Gesichtsausdruck, mit dem mich jemand “mustert” z.B.

    Mir ist es bei der Selbstverteidigung mal so ergangen. Als ich das erste Mal dort als blutige Anfängerin mitgemacht habe, war eine Frau dabei, die mich sehr abschätzend gemustert hat. Ich sah wohl nicht so aus, als ob ich das durchhalten würde. Ich war zu dem Zeitpunkt immer hart an der Grenze zum Untergewicht, also sehr sehr schlank. Und ich wirkte immer sehr zurückhaltend, schüchtern. Aber wegen der Stärkung meines Selbstbewusstseins machte ich das ja schließlich. Ich schätze, sie hat mich in die Kategorie “Püppchen” eingeordnet, ohne mich zu kennen. Sie war mir daher anfangs sehr sehr unsympathisch, weil ich das spürte. Ich muss zugeben, ich überlegte sogar, wegen ihr nicht wieder zu kommen, weil sie mir Unbehagen einflößte. Doch dann beschloss ich, das trotzdem durchzuziehen. Schließlich war ich nicht wegen ihr da, sondern wegen des Trainings. Sie sah, dass ich das ernst meinte und mir viel Mühe gab. Ich bestand meine Gürtelprüfungen immer als Beste. :-) (Heute kann ich gar nix mehr davon :-( ) Später waren wir auch außerhalb des Trainings befreundet und ich wusste warum sie so war und sie sah, dass ich ganz anders war, als sie dachte. :-)
    Liebe Grüße,
    Martina

  • Nila

    Sowas kenne ich auch. Man stepelt Menschen auf den ersten Blick gleich mal ab. Und wenn man ihn dann doch besser kennen lernt, dann musste auch ich schon so manche Entscheidung kleinlaut revidieren… ;)

  • Kai

    Hallo Lilo,
    toller Bericht, tolles Thema.
    Viele Dinge stellen sich (besonders in unser heutigen, schnelllebigen Zeit) zunächst anders dar, als sie dann tatsächlich sind. Ich bin mir ziemlich sicher, dass dir das geschilderte auch schon genau anders herum wiederfahren ist.

    Ich glaube, die moderne Zivilisation läßt uns Menschen mehr und mehr die wichtigen Instinkte verlieren. Wir können uns immer seltener spontan auf unseren “Riecher” verlassen. Durch ständige Manipulationen werden unsere Gedanken und Entscheidungen beeinflusst. Du hast wahrscheinlich irgendwie unterschwellig Zweifel an deinem ersten Eindruck gehabt und warst deshalb so “geduldig” mit Torsten. Letztlich hat es sich gelohnt und du bist wieder um eine tolle Erfahrung reicher.

    In diesem Sinne wünsche ich dir einen tollen Feiertag.
    Gruß
    Kai

  • Lilo

    @Mamü
    Da kannst du es ja nachvollziehen wie es mir beim Training ergangen ist :-)
    @Nila
    Ich bin sicher, dass das jedem schonmal so ergangen ist. Es soll aber ja auch Menschen geben, die das überhaupt nicht interessiert und einfach alles abblocken.

    @Kai
    Richtig :-) Das ist mir tatsächlich auch schonmal anders herum passiert. Allerdings fällt mir da jetzt nicht direkt ein konkretes Beispiel ein. Auf jeden Fall bin ich sehr froh, dass ich meine Ungeduld im Griff hatte!

    Ich wünsche Euch allen noch einen schönen Restfeiertag :-)
    Liebe Grüße
    Lilo

  • Schonzeit

    Manchmal merkt man erst, dass einem das Leben eine Prüfung auferlegt hat, so wie bei dir, wenn man sie bestanden hat. Unser Gehirn gaukelt uns schon nach wenigen Sekunden vor, dass man den Gegenüber kennen würde, aber dann kommt eine komplett andere Erfahrung und wir müssen all unsere über Millionen von Jahren antrainierten Vorurteile über Bord werfen und wie du sagtest dankbar und demütig sein.

  • Lilo

    Stimmt… oft merkt man es erst hinterher! :-)

  • Lilo

    Schön? …… Ja.. ;-)

  • Nominiert als weltbester Blogartikel aller Zeiten « Lesen gefährdet die Dummheit

    [...] Ich nominiere als meinen besten Blogartikel „Edelmut”. [...]

  • bonafilia

    Oh so lange durchzuhalten bedeutet das du sehr stark bist….dich zurückzunehmen dein Unmut nicht den Gegenüber spüren zu lassen ist verdammt schwer. Toll das du so stark bist und nun einen weiteren Freund gefunden hast….Geduld zahlt sich aus und Gelassenheit lässt uns die Geduld aufbringen.

    Ein wirklich toller Beitrag…DANKE!

  • Lilo

    Hm.. so habe ich das noch nie gesehen. Aber es stimmt schon: So viel Geduld aufzubringen ist schwer, und es dem Gegenüber nicht spüren zu lassen erfordert einiges an Selbstbeherrschung. Die Atmosphäre die in einer Aikidogruppe für gewöhnlich herrscht macht es allerdings ein wenig einfacher denke ich.

    Es freut mich, dass dir der Beitrag gefällt :-)

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